Berichte Betroffener

Wie es Borreliose-Kranken ergeht, wird hier in einigen von vielen Telefongesprächen beschrieben:

(Nach Berichten im HOHENLOHER TAGBLATT über die Tagung der Borreliose-Gesellschaft am 15.10.2005 in Schnelldorf, Namen und Adressen sind bekannt).

 

Aufzeichnungen im November 2005 von Günther Schust.

 

Anmerkung März 2016: Auch 11 Jahre später hat sich an der Situation für Borreliose-Betroffene kaum etwas verändert.

 

Eine 26-jährige Frau und Mutter einer 2-jährigen Tochter aus Schwäbisch Hall berichtete, dass sie seit etwa 4 Jahren an Borreliose leidet und neben anderen Symptomen eine einseitige Fazialis Parese (halbseitige Gesichtslähmung) habe. Sie ist Apothekerin und etwas in der Medizin bewandert, aber was sie an Unkenntnissen über Borreliose bei Ärzten erlebt habe, das habe sie erschüttert. Sie kann nur noch 3 Stunden/Tag arbeiten. Ihre grösste Sorge ist jedoch, dass sie ihr an sich munteres Kind während der Schwangerschaft auch mit Borreliose infiziert haben könnte.

 

 

Eine 37-jährige Bauzeichnerin aus Ilshofen rief an und berichtete, dass sie durch Borreliose an so vielfältigen Symptomen leide, schon seit Monaten krankgeschrieben sei und nicht mehr arbeiten könne. Durch die Krankheit ist ihre langjährige Beziehung zerbrochen. Ihr Freund habe sie verlassen. Ausserdem habe ihr Arbeitgeber jetzt auch noch Insolvenz angemeldet und sie müsse mit Arbeitslosigkeit rechnen. Tiefe Verzweiflung und Resignation könne sie nur durch ihren Glauben bewältigen.

 

Ein 73-jähriger Mann aus Bühlerzell rief an und erklärte, die Borreliose habe sein Leben zerstört. Herz- und Nierenprobleme, Hüfte- und Knie- Implantationen, Irritationen und viele andere Beschwerden machen das Leben zur Hölle. Durch sprachliche Probleme war er am Telefon nur schwer zu verstehen.

 

 

Ein 42-jähriger Maurermeister in der Nähe von Schwäbisch Hall, der in 27 Jahren nur 2x krank war, hat jetzt durch Borreliose enorme Probleme, besonders in den Fussgelenken. „Können Sie sich vorstellen, wie ich mich auf dem Bau quäle? Aber ich muss noch weiter arbeiten, wir haben erst einen Sohn bekommen und ich muss ja schliesslich meine Familie ernähren“.

 

 

Ein 78-jähriger Mann aus Crailsheim hat schon öfter angerufen und erklärt, dass er durch die Borreliose im Wesentlichen 2 Probleme habe. Das eine Problem sei sein schwerer, dumpfer Kopf und das andere, dass man ihm seine Beschwerden nicht einmal in der eigenen Verwandtschaft glaubt. Er sei froh, schon so alt zu sein und hoffe, dass „es nicht mehr lange geht“. Es sei eine Schande so zu reden, aber er habe keine Freude mehr am Leben.

 

 

Eine Frau aus Wallhausen berichtete, dass ihr Mann, der als selbständiger Elektromeister und Jäger immer sehr agil war, schwer an Alzheimer erkrankt sei und sie ihn versorgen müsse. Nun wurde sie im Juni von einer Zecke gestochen, worauf sie heftig erkrankt und schon öfter infolge starken Schwindels umgefallen sei. Eine unglaubliche Symptomatik von Gehörsturz über Muskelschmerzen und vielen anderen „seltsamen Empfindungen“ machen es ihr jetzt unheimlich schwer, für ihren kranken Mann zu sorgen. Von ihrem Hausarzt bekomme sie lediglich Kortison. Weil die Laborwerte gestiegen sind, wird nun auch die Kortisongabe erhöht.

 

 

Ein 39-jähriger Diplom-Kaufmann aus der Nähe von Gaildorf  rief an. Er ist in grosser Not, weil ihm weitere Therapien verwehrt werden, mit der Begründung, dass seine Borreliose ausgeheilt sei und nun die Diagnose gestellt wurde: Verdacht auf MS. Der Mann lebte und arbeitete vor seiner Erkrankung in Freiburg, wo er sich zu Hause fühlte und seine Freunde hatte. Nun lebt er zwangsweise wieder bei seinen auch nicht mehr so jungen Eltern, die ihn versorgen und zu Behandlungen fahren. Er selbst ist nicht mehr in der Lage Auto zu fahren. Auch kann er keinen Schritt mehr gehen und schon gar keine Treppen mehr steigen. Ausserdem habe er einen Bekannten, der HIV-positiv sei. Dem gehe es besser als ihm, weil er problemlos seine Therapie und Medikamente bekommt. Mit ihm würde er sofort tauschen.

 

 

Eine Frau aus Crailsheim (Herzog) rief an und hat mich über viele Einzelheiten befragt, insbesondere über die Diagnose bei Borreliose. Auf meine Frage, ob sie auch betroffen sei, erklärte sie, ihr Sohn sei an Borreliose erkrankt. Nach längerer Diskussion fragte ich, wie ihr Sohn jetzt therapiert werde. Sie antwortete „gar nicht mehr“. Als ich dann weiter fragte, ob ihr Sohn dann keine Beschwerden mehr habe, fing die Frau bitterlich an zu weinen und erklärte mir, dass sich ihr Sohn mit 39 Jahren aus lauter Verzweiflung vor 3 Wochen das Leben genommen habe. Er war bei vielen Ärzten, auch in der Kopfklinik Heidelberg, aber keiner habe ihm geholfen. Obwohl Borreliose diagnostiziert war, wurde er als psychisch Kranker nur mit Antidepressiva behandelt, er habe sich völlig aus der Gesellschaft zurückgezogen und wegen Depressionen, Hilflosigkeit und völliger Verbitterung den Freitod gewählt.

 

 

Ein Anruf von einem 62-jährigen Crailsheimer, den vor über 1 Jahr eine Zecke gestochen hatte: Er hat trotz handgrossem Erithema Migrans (Wanderröte, Verbreitung der Bakterien unter der Haut) bis jetzt noch keine Antibiotika erhalten, weil man ihn auf Parkinson behandelt, bislang ohne jegliche Besserung. Schon fast ein Jahr im Krankenstand möchte er deshalb, dass niemand von seiner Krankheit erfährt (als Gewerbelehrer verdächtigen ihn seine Kollegen, dass er nur in Vorruhestand gehen wolle). Seine geschilderten Symptome dürften nach meinen Erfahrungen eindeutig auf Borreliose zurückzuführen sein.

 

 

Eine 47-jährige Sozialpädagogin in Kirchberg wurde schon im Alter von 11 Jahren mit Borrelien infiziert, was sie aber lange nicht wusste. Ihr Studium und ihren Beruf hat sie mit viel Schmerzen und aller Energie bewältigt, bis es eines Tages nicht mehr ging. Schon lange im Krankenstand ist sie psychisch, physisch und finanziell am Ende und durch die Krankheit ist auch ihre langjährige Beziehung zerbrochen. Sie kann nicht mehr richtig gehen und lebt mit wenig Hoffnung auf ein besseres Leben zurückgezogen alleine. Ihre Hausärztin ist nett und freundlich zu ihr, aber helfen kann sie ihr auch nicht.

 

 

Bei diesen und weiteren relativ langen Telefongesprächen mit Betroffenen war insbesondere das Bedürfnis von Allen herausgestellt, mit jemanden sprechen zu können, ernst genommen und verstanden zu werden. Auch die Hilflosigkeit und das Gefühl, in schwieriger Situation alleine gelassen zu sein, sind bittere Erfahrungen, die Hoffnungslosigkeit und Resignation bei den Meisten zur Folge haben. Einstmals sehr aktive, mitten im Leben stehende Menschen können dadurch im langsamen Siechtum zu tragischen Figuren mutieren.

 

Es ist erschütternd, was sich da überwiegend im Verborgenen für Schicksale abspielen. Nach meinen Erkenntnissen jedoch nicht nur in unserer Region, wo mir inzwischen mehr als 100 Betroffene persönlich bekannt sind, sondern bundesweit und darüber hinaus.

 

Ein Augenarzt aus Düsseldorf schreibt u. a.:

 

„Es verdichten sich zusehends die Hinweise, dass es sich bei der Alzheimer Demenz um eine Spätmani-festation der Borreliose handelt – ähnlich wie im Tertiärstadium der Syphilis.“

 

Es mag für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und in der Bewertung in der Medizin schlimmere Krankheiten geben als die Borreliose. Aber die durch Borreliose verursachten, oft über Jahre oder gar Jahrzehnte kontinuierlichen, zeitweise sehr heftigen Schmerzzustände und widerwärtigen Empfindungen zermürben und minimieren die Lebensqualität auf ein unerträgliches Niveau und die Betroffenen werden zu Bittsteller in Sachen Gesundheit degradiert. Angemessene Hilfe zur Gesundung ist nicht in Sicht.

 

Wo bleibt hier das im Grundgesetz verankerte Recht auf Würde und körperliche Unversehrtheit, wenn der Staat seine Bürger so im Stich lässt? Hier sind auch die Politik und die Schaltstellen im Gesundheitswesen gefragt!

 

Dringlich notwendig wären Borreliose-Therapiezentren zur ambulanten Langzeit-Behandlung mit ausgebildeten Fachärzten, die über spezielle Forschungsprojekte Informationen und Ergebnisse erhalten, um daraus entsprechende Therapiepläne zu entwickeln. Dort müssten auch die Erfahrungen von Betroffenen zusammenlaufen und ausgewertet werden. Nur das Zusammenwirken von Wissenschaft, praktizierenden Ärzten und Betroffenen lässt auf eine Problemlösung hoffen.

 

Ohne fundierte wissenschaftlich erforschte Erkenntnisse ist es für praktizierende Ärzte schwierig auf diesem sehr komplexen Gebiet adäquate Therapien zu verordnen. Wenn sie es engagiert trotzdem versuchen, laufen sie Gefahr, durch Budget-Überschreitung in Regress genommen zu werden. Die Situation ist für alle Beteiligten äusserst unbefriedigend und so bewegt man sich leidvoll weiter auf unsicherem Terrain mit fraglichen Ergebnissen.

 

Aber noch immer wird die Borreliose zu wenig thematisiert und nicht mit anderen schlimmen Krankheiten gleichgestellt. Der Staat lässt seine Bürger im Stich. Es ist höchste Zeit, das Komplott der Ignoranz in der Öffentlichkeit und Medizin zu durchbrechen, damit endlich mit Nachdruck geforscht, adäquate Therapien entwickelt und Betroffene menschenwürdig behandelt werden.

 

Günther Schust, November 2005

4 Kommentare zu “Berichte Betroffener

  • 16. Februar 2018 zu 19:52
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    Ich bin sehr froh, auf ihre Seite gestossen zu sein.
    Seit mehr als 4 Jahren lebe ich mit Borreliose, hier in der Schweiz, wird die Krankheit zwar diagnostiziert, in meinem Fall Stadium 3. An erfahrene Spezialisten wird aber nicht verwiesen, die Krankheit wird zwar in Arztberichten erwähnt, aber nicht ernst genommen. Keiner meiner behandelnden Aerzte wusste wie mit ihr umgehen, ausser anfänglicher Antibiotikatherapie, diese auch erst nach der zweiten Infiszierung längere Zeit. Selbst in der Homöopathie herrscht Unkenntnis.
    Lähmungserscheinungen, chronische Müdigkeit, diverse organische Beschwerden, Abgeschlagenheit wurden als Depression degradiert.
    Noch immer kämpfe ich mit Beschwerden, neuerdings starkem Haarausfall.
    Auch dies wird mit Depression abgehakt.
    Zwar im Eu-Raum wohnhaft, aber leider nicht in Deutschland, bin ich auf Hinweise angewiesen, wie ich das Aerzten schildern kann, ohne einfach als Depressive abgestempelt zu werden.
    Ich möchte meinen Namen nicht erwähnt haben.
    Mit freundlichen Grüssen

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    • 15. Januar 2020 zu 20:02
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      Das wird fast unmöglich sein. Es sind ja kaum wirkliche Spezialisten da. Die Erkrankung wird vom System systematisch und bewusst ignoriert.
      Fragen Sie sich mal was passieren würde, wenn die wirkliche Zahl der Erkrankten öffentlich bekannt wurde? Wenn die sogenannten falsch-positiven Testergebnisse gar nicht falsch sind? Was wären wohl die Folgen für Wirtschaft, Gesundheitssystem, Sozialversicherungen, Tourismus etc. Deswegen passiert nichts. Wir Betroffene sind alles andere als alleine, werden aber allein gelassen.
      Daran wird sich so schnell nichts ändern

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      • 19. Februar 2020 zu 12:37
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        Der Coronavirus fordert Medizin, Politik und Wirtschaft heraus und es sind extreme Mapßnahmen erfordelich, einer Pandemie Herr zu werden.

        Die Lyme-Borreliose grassiert schon jahrzentelang, sehr viele Menschen sind betroffen und es geschieht im Grunde NICHTS!

        „Eines Tages wird der jetzt gängige Umgang mit chronischer Lyme-Borreliose als eine der schändlichsten Episoden von Verleugnung in der Geschichte der Medizin angesehen werden müssen“. Zitat Dr. Kenneth Bruce Liegner

        Reply
  • 19. Februar 2020 zu 12:38
    Permalink

    Der Coronavirus fordert Medizin, Politik und Wirtschaft heraus und es sind extreme Mapßnahmen erforderlich, einer Pandemie Herr zu werden.

    Die Lyme-Borreliose grassiert schon jahrzentelang, sehr viele Menschen sind betroffen und es geschieht im Grunde NICHTS!

    „Eines Tages wird der jetzt gängige Umgang mit chronischer Lyme-Borreliose als eine der schändlichsten Episoden von Verleugnung in der Geschichte der Medizin angesehen werden müssen“. Zitat Dr. Kenneth Bruce Liegner

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