Berichte Betroffener

Wie es Borreliose-Kranken ergeht, wird hier in einigen von vielen Telefongesprächen beschrieben:

(Nach Berichten im HOHENLOHER TAGBLATT über die Tagung der Borreliose-Gesellschaft am 15.10.2005 in Schnelldorf, Namen und Adressen sind bekannt).

 

Aufzeichnungen im November 2005 von Günther Schust.

 

Anmerkung März 2016: Auch 11 Jahre später hat sich an der Situation für Borreliose-Betroffene kaum etwas verändert.

 

Eine 26-jährige Frau und Mutter einer 2-jährigen Tochter aus Schwäbisch Hall berichtete, dass sie seit etwa 4 Jahren an Borreliose leidet und neben anderen Symptomen eine einseitige Fazialis Parese (halbseitige Gesichtslähmung) habe. Sie ist Apothekerin und etwas in der Medizin bewandert, aber was sie an Unkenntnissen über Borreliose bei Ärzten erlebt habe, das habe sie erschüttert. Sie kann nur noch 3 Stunden/Tag arbeiten. Ihre grösste Sorge ist jedoch, dass sie ihr an sich munteres Kind während der Schwangerschaft auch mit Borreliose infiziert haben könnte.

 

 

Eine 37-jährige Bauzeichnerin aus Ilshofen rief an und berichtete, dass sie durch Borreliose an so vielfältigen Symptomen leide, schon seit Monaten krankgeschrieben sei und nicht mehr arbeiten könne. Durch die Krankheit ist ihre langjährige Beziehung zerbrochen. Ihr Freund habe sie verlassen. Ausserdem habe ihr Arbeitgeber jetzt auch noch Insolvenz angemeldet und sie müsse mit Arbeitslosigkeit rechnen. Tiefe Verzweiflung und Resignation könne sie nur durch ihren Glauben bewältigen.

 

Ein 73-jähriger Mann aus Bühlerzell rief an und erklärte, die Borreliose habe sein Leben zerstört. Herz- und Nierenprobleme, Hüfte- und Knie- Implantationen, Irritationen und viele andere Beschwerden machen das Leben zur Hölle. Durch sprachliche Probleme war er am Telefon nur schwer zu verstehen.

 

 

Ein 42-jähriger Maurermeister in der Nähe von Schwäbisch Hall, der in 27 Jahren nur 2x krank war, hat jetzt durch Borreliose enorme Probleme, besonders in den Fussgelenken. „Können Sie sich vorstellen, wie ich mich auf dem Bau quäle? Aber ich muss noch weiter arbeiten, wir haben erst einen Sohn bekommen und ich muss ja schliesslich meine Familie ernähren“.

 

 

Ein 78-jähriger Mann aus Crailsheim hat schon öfter angerufen und erklärt, dass er durch die Borreliose im Wesentlichen 2 Probleme habe. Das eine Problem sei sein schwerer, dumpfer Kopf und das andere, dass man ihm seine Beschwerden nicht einmal in der eigenen Verwandtschaft glaubt. Er sei froh, schon so alt zu sein und hoffe, dass „es nicht mehr lange geht“. Es sei eine Schande so zu reden, aber er habe keine Freude mehr am Leben.

 

 

Eine Frau aus Wallhausen berichtete, dass ihr Mann, der als selbständiger Elektromeister und Jäger immer sehr agil war, schwer an Alzheimer erkrankt sei und sie ihn versorgen müsse. Nun wurde sie im Juni von einer Zecke gestochen, worauf sie heftig erkrankt und schon öfter infolge starken Schwindels umgefallen sei. Eine unglaubliche Symptomatik von Gehörsturz über Muskelschmerzen und vielen anderen „seltsamen Empfindungen“ machen es ihr jetzt unheimlich schwer, für ihren kranken Mann zu sorgen. Von ihrem Hausarzt bekomme sie lediglich Kortison. Weil die Laborwerte gestiegen sind, wird nun auch die Kortisongabe erhöht.

 

 

Ein 39-jähriger Diplom-Kaufmann aus der Nähe von Gaildorf  rief an. Er ist in grosser Not, weil ihm weitere Therapien verwehrt werden, mit der Begründung, dass seine Borreliose ausgeheilt sei und nun die Diagnose gestellt wurde: Verdacht auf MS. Der Mann lebte und arbeitete vor seiner Erkrankung in Freiburg, wo er sich zu Hause fühlte und seine Freunde hatte. Nun lebt er zwangsweise wieder bei seinen auch nicht mehr so jungen Eltern, die ihn versorgen und zu Behandlungen fahren. Er selbst ist nicht mehr in der Lage Auto zu fahren. Auch kann er keinen Schritt mehr gehen und schon gar keine Treppen mehr steigen. Ausserdem habe er einen Bekannten, der HIV-positiv sei. Dem gehe es besser als ihm, weil er problemlos seine Therapie und Medikamente bekommt. Mit ihm würde er sofort tauschen.

 

 

Eine Frau aus Crailsheim (Herzog) rief an und hat mich über viele Einzelheiten befragt, insbesondere über die Diagnose bei Borreliose. Auf meine Frage, ob sie auch betroffen sei, erklärte sie, ihr Sohn sei an Borreliose erkrankt. Nach längerer Diskussion fragte ich, wie ihr Sohn jetzt therapiert werde. Sie antwortete „gar nicht mehr“. Als ich dann weiter fragte, ob ihr Sohn dann keine Beschwerden mehr habe, fing die Frau bitterlich an zu weinen und erklärte mir, dass sich ihr Sohn mit 39 Jahren aus lauter Verzweiflung vor 3 Wochen das Leben genommen habe. Er war bei vielen Ärzten, auch in der Kopfklinik Heidelberg, aber keiner habe ihm geholfen. Obwohl Borreliose diagnostiziert war, wurde er als psychisch Kranker nur mit Antidepressiva behandelt, er habe sich völlig aus der Gesellschaft zurückgezogen und wegen Depressionen, Hilflosigkeit und völliger Verbitterung den Freitod gewählt.

 

 

Ein Anruf von einem 62-jährigen Crailsheimer, den vor über 1 Jahr eine Zecke gestochen hatte: Er hat trotz handgrossem Erithema Migrans (Wanderröte, Verbreitung der Bakterien unter der Haut) bis jetzt noch keine Antibiotika erhalten, weil man ihn auf Parkinson behandelt, bislang ohne jegliche Besserung. Schon fast ein Jahr im Krankenstand möchte er deshalb, dass niemand von seiner Krankheit erfährt (als Gewerbelehrer verdächtigen ihn seine Kollegen, dass er nur in Vorruhestand gehen wolle). Seine geschilderten Symptome dürften nach meinen Erfahrungen eindeutig auf Borreliose zurückzuführen sein.

 

 

Eine 47-jährige Sozialpädagogin in Kirchberg wurde schon im Alter von 11 Jahren mit Borrelien infiziert, was sie aber lange nicht wusste. Ihr Studium und ihren Beruf hat sie mit viel Schmerzen und aller Energie bewältigt, bis es eines Tages nicht mehr ging. Schon lange im Krankenstand ist sie psychisch, physisch und finanziell am Ende und durch die Krankheit ist auch ihre langjährige Beziehung zerbrochen. Sie kann nicht mehr richtig gehen und lebt mit wenig Hoffnung auf ein besseres Leben zurückgezogen alleine. Ihre Hausärztin ist nett und freundlich zu ihr, aber helfen kann sie ihr auch nicht.

 

 

Bei diesen und weiteren relativ langen Telefongesprächen mit Betroffenen war insbesondere das Bedürfnis von Allen herausgestellt, mit jemanden sprechen zu können, ernst genommen und verstanden zu werden. Auch die Hilflosigkeit und das Gefühl, in schwieriger Situation alleine gelassen zu sein, sind bittere Erfahrungen, die Hoffnungslosigkeit und Resignation bei den Meisten zur Folge haben. Einstmals sehr aktive, mitten im Leben stehende Menschen können dadurch im langsamen Siechtum zu tragischen Figuren mutieren.

 

Es ist erschütternd, was sich da überwiegend im Verborgenen für Schicksale abspielen. Nach meinen Erkenntnissen jedoch nicht nur in unserer Region, wo mir inzwischen mehr als 100 Betroffene persönlich bekannt sind, sondern bundesweit und darüber hinaus.

 

Ein Augenarzt aus Düsseldorf schreibt u. a.:

 

„Es verdichten sich zusehends die Hinweise, dass es sich bei der Alzheimer Demenz um eine Spätmani-festation der Borreliose handelt – ähnlich wie im Tertiärstadium der Syphilis.“

 

Es mag für die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und in der Bewertung in der Medizin schlimmere Krankheiten geben als die Borreliose. Aber die durch Borreliose verursachten, oft über Jahre oder gar Jahrzehnte kontinuierlichen, zeitweise sehr heftigen Schmerzzustände und widerwärtigen Empfindungen zermürben und minimieren die Lebensqualität auf ein unerträgliches Niveau und die Betroffenen werden zu Bittsteller in Sachen Gesundheit degradiert. Angemessene Hilfe zur Gesundung ist nicht in Sicht.

 

Wo bleibt hier das im Grundgesetz verankerte Recht auf Würde und körperliche Unversehrtheit, wenn der Staat seine Bürger so im Stich lässt? Hier sind auch die Politik und die Schaltstellen im Gesundheitswesen gefragt!

 

Dringlich notwendig wären Borreliose-Therapiezentren zur ambulanten Langzeit-Behandlung mit ausgebildeten Fachärzten, die über spezielle Forschungsprojekte Informationen und Ergebnisse erhalten, um daraus entsprechende Therapiepläne zu entwickeln. Dort müssten auch die Erfahrungen von Betroffenen zusammenlaufen und ausgewertet werden. Nur das Zusammenwirken von Wissenschaft, praktizierenden Ärzten und Betroffenen lässt auf eine Problemlösung hoffen.

 

Ohne fundierte wissenschaftlich erforschte Erkenntnisse ist es für praktizierende Ärzte schwierig auf diesem sehr komplexen Gebiet adäquate Therapien zu verordnen. Wenn sie es engagiert trotzdem versuchen, laufen sie Gefahr, durch Budget-Überschreitung in Regress genommen zu werden. Die Situation ist für alle Beteiligten äusserst unbefriedigend und so bewegt man sich leidvoll weiter auf unsicherem Terrain mit fraglichen Ergebnissen.

 

Aber noch immer wird die Borreliose zu wenig thematisiert und nicht mit anderen schlimmen Krankheiten gleichgestellt. Der Staat lässt seine Bürger im Stich. Es ist höchste Zeit, das Komplott der Ignoranz in der Öffentlichkeit und Medizin zu durchbrechen, damit endlich mit Nachdruck geforscht, adäquate Therapien entwickelt und Betroffene menschenwürdig behandelt werden.

 

Günther Schust, November 2005

Mein Kampf mit der Borreliose – Eine Erfolgsgeschichte

Ich bin 42 Jahre alt, männl. und seit 1998 trage ich die CIDP mit mir herum und noch kein Arzt konnte mir bisher helfen. CIDP bedeutet Chronisch Inflammatorische Demyelinisierende Polyneuropathie, übersetzt: eine chronisch-entzündliche Nervenerkrankung mit Schädigung bzw. degenerativer Zerstörung der Nervenummantelungen, der so genannten Myelinscheiden. Ich vermute: Die Bakterien haben meinem Immunsystem derart zugesetzt, dass es nicht mehr zwischen gut und böse fähig ist zu unterscheiden und meinen eigenen Körper, meine eigenen Nerven angreift. Und das führte nach einer solch langen Zeit der unbehandelten und längst chronifizierten Infektion zu einer Autoimmun-Reaktion, sprich das dauerhafte Reizen, Stören, Beschießen… meiner Nerven mit der Folge: ständige Entzündungen. Seit nun 18 Jahren leide ich an immer schlimmer werdenden Nervenausfällen in Form von Kribbeln, Lähmungserscheinungen, Tinnitus und Schmerzen. Anfangs nur selten und in den letzten fünf Jahren immer heftiger werdend.

Es ging los mit Parästhesien in den Füßen, ging dann hoch zu den Händen und endete schließlich 2012 damit, dass mir alle paar Wochen ein Nerv ausfiel und ich im Wochenrhythmus Schmerzen im Nacken, Rücken, Lende und Beine hatte. Über Monate konnte ich kaum eine Zahnpastetube ausdrücken oder humpelte nur durch die Gegend und sah mich schon im Rollstuhl sitzen. Als ich es dann 2012 (erst 14 Jahre nach Start der ersten Symptome) nicht mehr aushielt und weil mich alle Ärzte nur schikanierten und als psychisch Krank abstempelten, besuchte ich eine Selbsthilfegruppe weil mir jemand dazu riet der glaubte es käme von einer persistierenden Infektion, wahrscheinlich bakterieller Natur (Borrelien). In der Selbsthilfegruppe lernte ich viel und nahm dann recht schnell in Eigenregie mit meinem Hausarzt über 2 Jahre lang Antibiotika der Tetrazyclin Gruppe mit sehr gutem Erfolg. Gleich nach Start der Therapie hörten die Symptome schlagartig auf (einhergehend mit anfänglicher kurzer Verschlechterung – Herxheimer). Teilweise ging es mir nach einem Jahr schon so gut, dass ich mich fast wieder wie ein normaler Mensch fühlte und sogar kaum noch Nervenschmerzen hatte. Doch leider nach Absetzen dieser Antibiotikatherapie kam vieles an Symptomen wieder zurück. Nach Durchsicht aller meiner Unterlagen schließe ich am ehesten darauf das wirklich eine persistierende Infektion im Gange war/ist und sich daraus schon früh eine CIDP entwickelte und das Immunsystem etwas auf den Kopf gestellt hat.

Eigentlich war das mein Glück, denn ich ging in die Uniklinik Düsseldorf und wurde vier Tage stationär auf den Kopf gestellt. Zunächst hieß die Diagnose einfach nur vererbte Polyneuropathie, doch da alle genetischen Untersuchungen fehl schlugen und ich beweisen konnte, dass mir diverse Antibiotika und andere Medikamente wie Quensyl sehr gut geholfen haben (was darauf deutete, dass meine Symptome ein entzündlicher Prozess sein muss, also eine CIDP weil die immunmodulierenden Medikamente so gut anschlugen), wurde ein sehr aufmerksamer Neurologe dort hellhörig und entschied sich mir eine IVIG Therapie zu verschreiben.

IVIg oder Immunglobuline sind gesunde Antikörper gewonnen aus echtem Blut gesunder Menschen. Gesunde Antikörper helfen uns im täglichen Kampf gegen Viren, Bakterien und andere Eindringlinge, die uns schädigen wollen. Sie erkennen diese und schicken „Soldaten“, um sie dann zu vernichten oder einzudämmen. Da bösartige Bakterien und Viren in uns gerne Prozesse in Gang bringen, die uns zusetzen, wie z.B. die Bildung kranker Antikörper, die unser Immunsystem austricksen und es dazu bringen, unseren eigenen gesunden Körper zu beschießen und zu entzünden (z.B. CIDP), setze man zur Heilung gesunde Antikörper ein. Man bekommt die Antikörper in hohen Dosen infundiert, die allerdings nach einiger Zeit wieder aus dem Körper ausgeschieden werden, weshalb es notwendig wird, alle paar Wochen zur Infusion zu laufen. Im Normalfall ist die einzige Nebenwirkung leichte bis mittelschwere Kopfschmerzen, die ich auch besonders in der Anfangszeit hatte. Das führte sogar teilweise dazu, dass mir so richtig schlecht wurde und der Kreislauf in den Keller ging. Da helfen nur Ruhe und viel Schlaf. Ich lege die Infusionen daher immer auf den Freitag, um zum Wochenende die Möglichkeit zu haben, mich auszuruhen. Jetzt nach über einem Jahr Therapie sind die Kopfschmerzen fast völlig verschwunden. Also, auch hier gewöhnt man sich an alles.

Die Heilung der Nerven bzw. die Messwerte der Nervenleitgeschwindigkeit haben sich bei mir innerhalb von nur zwölf Monaten von anfangs kaum messbar bis später zu Normalwerten geändert. Ich kann teilweise wieder ganz normal den Boden unter meinen Füßen spüren, woran vorher nicht im Traum zu denken war.

Diese Infusionen erhält man in der Regel alle drei bis vier Wochen in der Uniklinik über drei bis fünf Stunden pro Infusionssitzung, was abhängig von der Menge ist, was wiederum abhängig von der Körpergröße ist. Doch für diesen Tag gibt es eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Für mich ist dieser Tag eine Entspannung vom alltäglichen Stress. Und ich weiß, dass ich dadurch meinem Körper helfe, sich wieder zu erholen.

Diese Therapie bremst die vielen Entzündungen und hilft den Nerven sich schneller zu regenerieren. Bei mir dauerte es gut ein Jahr, bis ich auf einem soliden Stand war. Eigentlich sollte meiner Meinung nach jeder mit einer Nervenerkrankung diese Therapie erhalten, doch noch sind die Ärzte zurückhaltend, da es sehr teuer ist und die Krankenkassen es gerne ablehnen. Aber wenn Sie in einer Uniklinik untersucht werden und es Ihnen verschrieben wird, dann ist es so ziemlich das Beste was passieren kann. Vor den Unikliniken haben die Krankenkassen noch einen größeren Respekt und zahlen schon mal eher.

Nun geht es mir wieder hervorragend. Alle halbe Jahre setzte ich noch für einige Wochen bis Monate Antibiotika ein und diese geben mir noch einen zusätzlichen Boost der Schmerzfreiheit.

All dies hat mich dazu gebracht in mich zu gehen und mal alles aufzuschreiben. Da ich täglich in meiner Therapiezeit Tagebuch geführt hatte, ist einiges an Material zusammengekommen. Daraus ist dann ein Taschenbuch geworden, dessen Inhalt mein Leben verändert hat: www.jaroslawvenzke.de

Kein Leben mehr

Meine Geschichte beginnt Mitte Juli 2013. Da habe ich sie mir eingefangen. Die Zecke. Hohes feuchtes Gras. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs. Gesehen habe ich die Zecke nicht. Es krabbelte ca. 2 Wochen lang in der rechten Kniekehle und eine kleine Verdickung war zu fühlen.

Anfang August, ein Mittwoch. Ich hatte ein paar Tage frei und Zeit, mir die Sache mal genauer anzuschauen. Ich stellte überrascht fest, dass sich um die Stelle in der Kniekehle ein kleiner rötlicher Ring gebildet hatte. Vielleicht 2 cm im Durchmesser. Ich dachte: Du hast Zeit, geh doch mal zum Hausarzt. Gesagt getan. Leider hatte dieser Urlaub und so musste ich zur Vertretung. Die Frau Doktor war auch sehr nett und meinte, dass es sich wohl um einen entzündeten Insektenstich handelt. Das käme häufiger vor. Mit Kortison-Salbe alles kein Problem.

Das dachte ich mir zunächst auch, aber als die rote Stelle am Freitag bereits so groß wie mein Handteller war, wurde ich doch etwas unruhig und bezweifelte, dass die Salbe hier noch hilft. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mein Körper das noch selbst im Griff hat. Ich bin also wieder zu der Ärztin und die sagte nur: „Oh, so etwas habe ich ja noch nie gesehen. Da ist auch Wärme drin und ich verschreibe mal lieber ein Antibiotikum.“

Dieses hieß Doxycyclin. Ich nahm es auch gleich und dann 2 mal täglich, früh und abends. Über den Samstag breitete sich die Rötung weiter aus. Am Nachmittag war sie so groß wie meine ganze Hand. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon leichte Panik, denn es war absehbar und ausrechenbar, wann mein ganzes Bein rot sein würde.

Es wurde Sonntag und glücklicherweise begann die rote Verfärbung langsam zu verblassen. Das Doxycyclin zeigte Wirkung.

Am Montag hatte mein Hausarzt wieder Sprechstunde, welche ich auch gleich aufsuchte. Die Rötung war zu diesem Zeitpunkt fast ganz verschwunden. Mir wurde Blut abgenommen, in welchem sich im Labor auch Borrelien-Antikörper zweifelsfrei nachweisen ließen. IgG war hoch und IgM sehr hoch.

Zu dem Zeitpunkt dachte ich mir, alles erledigt. Du nimmst das Antibiotikum zu Ende und damit hat es sich. Es war ja schließlich nicht der erste Zeckenbiss in meinem Leben. Nebenwirkungen des Medikaments verspürte ich kaum, nur leichte Übelkeit. Ich ging sogar wieder auf Arbeit.

Ungefähr eine Woche später bildeten sich in der Kniekehle, als dort wo sich vorher die große Rötung befunden hatte, mehrere neue, kleine punktförmige Rötungen von ca. 2 bis 3mm Durchmesser. Es waren schätzungsweise 15 Stück. Mein Hausarzt konnte damit nichts anfangen. Er meinte, es sähe aus wie Flohbisse und ob ich denn einen Hund oder eine Katze besitzen würde. Dies musste ich aber verneinen.

Ich nahm also Kontakt zur Tropenmedizin-Abteilung des Städtischen Krankenhauses in der Nähe auf, da ich gelesen hatte, dass dort auch Borreliose-Patienten behandelt werden. Die dortige Ärztin war schon älter, mit meinen roten Punkten konnte sie aber auch nichts anfangen.

Ich hatte meinen Bluttest von Hausarzt mitgenommen. Das erste was die Ärztin dazu sagte war: „Das ist aber keine frische Infektion.“ In mir klingt dieser eine Satz nach, als wäre es gestern gewesen.

Jedenfalls verschrieb sie mir noch ein anderes Antibiotikum, welches ich anstelle des Doxycyclins einnehmen sollte. Es hieß Cefurax und die 24 Tabletten würden für 12 Tage reichen.

Gleich von Anfang an stellte sich ein Schwindelgefühl ein. Da Schwindel in den Nebenwirkungen aufgeführt war, machte ich mir keine Gedanken. Es wird schon wieder aufhören. Ich ging allerdings wieder zum Hausarzt und ließ mich weiter krankschreiben. So konnte und wollte ich nicht arbeiten gehen.

Die 12 Tage waren relativ schnell um. Die roten Punkte verschwanden langsam wieder. Was blieb war der Schwindel. Ich ging wieder zum Hausarzt. Dieser meinte, dass die Nachwirkungen des Antibiotikums normalerweise längst weg sein müssten. Er schickte mich zum Hals-Nasen-Ohrenarzt und zum Augenarzt, da ich eigenartigerweise auch Störungen der Akkomodation der Augen feststellte. Beim Umschalten zwischen Nah und Fern dauerte die Anpassung länger als gewohnt, so hatte ich das Gefühl. Es war sehr eigenartig.

Die HNO-Ärztin machte die üblichen Tests, blies mir warme Luft in die Ohren. Die Ergebnisse waren unauffällig. Ich hatte das auch nicht anders erwartet.

Beim Augenarzt wurde außer einer beginnenden Altersweitsichtigkeit nichts festgestellt. Ich soll doch zum Optiker gehen und mir eine Brille anfertigen lassen, wurde mir gesagt. Dass dies meine Probleme mit dem Schwindel beseitigen würde, glaubte ich nicht wirklich. Eine Lesebrille, die ich nur zum Lesen aufsetzen würde, hilft bestimmt nicht, wurde auch von der Optikerin gesagt. Nichtsdestotrotz legte ich mir eine schicke Lesebrille zu. Von nun an waren die Buchstaben beim Lesen deutlicher und schärfer. Allein der Schwindel blieb.

Was ich zu diesem Zeitpunkt weiterhin hatte, war eine gewisse Lichtempfindlichkeit. Der Sonnenschein draußen war mir unangenehm. Außerdem hatte ich das Gefühl, an den Kopf zu frieren, wenn ich draußen war. Ich meinte, eine Mütze aufsetzen zu müssen. Und das Anfang September! Ebenfalls entwickelte sich schon zu diesem Zeitpunkt eine gewisse Überempfindlichkeit auf Geräusche. Mir kam es vor, als ob sich mein Körper in ständiger Alarmbereitschaft befand. Jedes Geräusch ließ mich innerlich zusammen zucken. Dazu kam eine ungewohnte innerliche Unruhe, die zunehmend stärker wurde.

Aus diesem Grund verschrieb mir mein Hausarzt Opipramol, was anfangs auch half. Der Schwindel wurde aber nicht besser. Außerdem verspürte ich eine extreme körperliche Erschöpfung. Ohne Mittagsschlaf und Kaffee am Nachmittag ging gar nichts.

Im Laufe des Septembers wurde die innere Unruhe immer schlimmer. Ich ging zu einem Psychiater, der eine Depression diagnostizierte. Dazu muss ich sagen, dass ich dort schon länger in Behandlung war. Vor über 10 Jahren hatte ich tatsächlich mal immer wiederkehrende depressive Stimmungstiefs und habe seitdem abends ein Antidepressivum in sehr geringer Dosierung genommen, was meinen Zustand gut stabilisiert hat. Deshalb weiß ich, wie sich eine Depression anfühlt und war umso erstaunter, als der Arzt meinte, dass ich eine hätte. Depressiv fühlte ich mich nämlich überhaupt nicht. In mir brodelte es, aber war das eine Depression?

Jedenfalls bekam ich nun Escitalopram. Ich hatte den Eindruck, dass ich mehr Antrieb hatte. Die innere Unruhe hatte sich aber ins Unerträgliche gesteigert. Ich habe wirklich innerlich gezittert und jeder Reiz von außen war zu viel. In dieser Zeit entwickelten sich auch die ersten Schmerzen im Körper. Es fing in den Oberarmen an, so als ob ich ständig Muskelkater hätte.

Der Psychiater senkte die Dosis des Escitaloprams wieder und verschrieb mir Pregabalin. Ich hatte nämlich mittlerweile auch so diffuse Ängste bekommen, wobei ich nicht mal sagen konnte, wovor. Es war einfach Angst da. So etwas hatte ich in meinem Leben noch nicht erlebt. Außerdem weiterhin dieser permanente Drehschwindel und die unangenehme körperliche Erschöpfung.

Da wir mittlerweile Mitte Oktober hatten und ich nicht mehr wusste, wie sich noch etwas ändern soll, nahm ich Kontakt zu einer psychiatrischen Tagesklinik auf. Der Psychiater hatte ja die Diagnose Depression gestellt und Ängste hatte ich auch, also würden sie dort schon etwas für mich tun können, dachte ich mir.

Gegen Ende Oktober hatte ich den Aufnahmetermin und es wurden fast 8 Wochen teilstationärer Aufenthalt daraus. Eine interessante Erfahrung – sehr viel gebracht hat mir der Aufenthalt in der Tagesklinik nicht. Der Vorteil war, dass ich wieder etwas aktiver wurde und einen geregelteren Tagesablauf bekam. Es wurde auch versucht, organische Ursachen für meine Probleme zu finden. EKG, EEG, MRT, Lumbalpunktion alles zeigte keine Hinweise auf.

Ich muss auch sagen, dass irgendwann aus dem Schwindel nur noch eine Art Wattegefühl im Kopf wurde. Eine Art Benommenheit, die zum Abend hin besser wurde. Nach wie vor hatte ich Probleme mit der Konzentration und dem Denken. Es war wie eine Art Denkblockade. Ganz einfache Dinge, wie das kleine Einmaleins funktionierten. Wenn es aber an das kombinatorische Denken ging, wenn ich mir also z.B. ein Zwischenergebnis merken musste, fing mein Kopf innerlich an zu schwirren und funktionierte nicht so, wie ich es von früher gewohnt war. Die Schmerzen in den Oberarmen hatte ich auch immer mal wieder.

In der Tagesklinik hatte ich am Anfang damit zu kämpfen, den Ärztinnen und der Psychologin klar zu machen, warum ich dort bin. Ich fühlte mich teilweise wie ein Simulant. Sie konnten es nicht verstehen, warum ich nicht denken kann und ich musste mir anhören, dass das Symptom der Verbesserung des Befindens zum Abend hin bei psychiatrischen Patienten sehr häufig sei, insbesondere bei Depressiven.

Kurz vor Weihnachten wurde ich entlassen. Mittlerweile taten mir vor allem beim Autofahren die Handgelenke weh. Und auch ganz eigenartig, beide Daumen!

Ich sollte eine stufenweise Wiedereingliederung am Arbeitsplatz machen. Die junge Psychologin war der Meinung, dass mir Ablenkung durch die Arbeit gut tun würde. Zuvor war die morgendliche Dosis des Pregabalins auf 150mg erhöht wurden, weil die innere Unruhe teilweise wieder unerträglich war. Deshalb teilte ich ihre Meinung nicht ganz, ich wollte es aber versuchen. Vielleicht hatte sie ja recht.

Da ich mich zwischenzeitlich über Borreliose informiert hatte (in der Tagesklinik wollten sie davon gar nichts wissen), ließ ich mir gleich nach der Entlassung vom Hausarzt Minocyclin verschreiben. Ein Antibiotikum.

Ich merkte sehr schnell eine Verbesserung des Wattegefühls im Kopf. Konnte ich die Monate und Wochen davor nach dem Aufstehen darauf warten, dass sich dieses Gefühl einstellte, passierte dies nun nicht mehr. Der Kopf war wieder klar und ich konnte auch wieder deutlich besser nachdenken. Gänzlich ohne, dass es mir anfing, im Kopf zu schwirren.

Die Wiedereingliederung war leider ein Reinfall. Wir haben den Plan mindestens 2x geändert, weil es mir nicht besser ging. Ich hatte ja mit 2 Stunden angefangen, was schon sehr anstrengend für mich war. Nach den 2 Stunden auf Arbeit musste ich mich zu Hause erst mal für 1 bis 2 Stunden hinlegen. Ich habe gekämpft und dann am Ende noch auf 3 Stunden Arbeitszeit erhöht, aber mehr war einfach nicht drin. Anfang Februar 2014 brach ich die Wiedereingliederung ab. Ich merkte, dass es mir körperlich immer schlechter ging. Erschöpfung, Erschöpfung, Erschöpfung.

Ich begann das Minocyclin in Intervallen zu nehmen, was sich etwas günstiger auf die Erschöpfung auswirkte. Leider bekam ich in diesem Zeitraum zunehmend Probleme mit den Zehengelenken.

In diesem Zeitraum machte ich einen Termin in Leipzig beim Prof. Dr. Ruf im St. Georg Krankenhaus. Das ist eines der Borreliosebehandlungszentren in Sachsen. Die Fahrt hätte ich mir sparen können. Alles was ich habe, kommt von irgendwas, aber bestimmt nicht von einer Borreliose, so die Aussage des Professors. Sämtliche Gegenargumente prallten an ihm ab. Dass das Minocyclin meine Schmerzen in den Armen beseitigt hat und ich wieder einen klaren Kopf bekommen habe, liegt am Placebo-Effekt und ich solle aufhören, das Mittel zu nehmen. Es wäre überhaupt ein Unding, so ein Antibiotikum 8 Wochen lang zu nehmen. Letztendlich war es so, dass ich etwas an meinem Leben ändern soll. Ich erwähnte, dass ich alleine lebe. Außerdem wurde mir geraten, dass ich meine Psyche in Ordnung bringen soll. Dort würden die Ursachen liegen.

Es ist schlimm. So viel Ignoranz. Das Wartezimmer saß voll und ich war bestimmt kein Einzelfall. Ob es den Professor nicht anödete, immer wieder dasselbe zu erzählen. Keine Ahnung.

An meinem generellen Zustand ändert sich wenig. Es gab weiterhin bessere und schlechte Tage. Am meisten belastend fand ich nach wie vor diese permanente Erschöpfung. Alles strengte mich an. Insgesamt betrachtet machte es sich aber positiv bemerkbar, dass ich die Wiedereingliederung abgebrochen hatte. Ich kam doch wieder etwas mehr zu Kräften. Die obligatorische Mittagsruhe war aber weiterhin nötig.

Ich begann eine ambulante Psychotherapie. Der Psychologe stellte die Diagnose F48.0. Neurasthenie und ich begann Tagebuch zu führen über meine täglichen Aktivitäten.

Da ich ein Buch über den Kampf einer jungen Frau gegen ihre Borreliose gelesen hatte in dem stand, dass ihr die Photonentherapie geholfen hat, nahm ich Kontakt zu einer Heilpraktikerin in meiner Nähe auf, welche diese Therapie anbot. Sie sagte, dass sie Erfahrung mit der Behandlung der Borreliose habe, sogar selbst schon eine gehabt hat. Mit der Einnahme des Minocyclins sollte ich sofort aufhören.

Rückwirkend betrachtet hat die Behandlung leider zu keiner Besserung geführt. Ich litt weiterhin unter einer großen Erschöpfung. Die Schmerzen in den Zehengelenken wurden so stark, dass ich teilweise kaum laufen konnte. Anfangs war der Abstand zwischen den Bestrahlungen recht eng, dann im 4-wöchigen Rhythmus. Dann sollte eine Pause gemacht werden, weil die Heilpraktikerin das so ausgetestet hat. Ich war darüber froh, denn das Ganze war doch recht preisintensiv gewesen. Ich hatte mir ja auch noch Nosoden aus der Apotheke geholt, welche ich im Bestrahlungszeitraum einnahm.

Mitte Mai startete ich eine erneute Antibiose mit Tinidazol. Dieses Mittel brachte mich 2x ins Krankenhaus. Allerdings waren sämtliche Schmerzen im Körper innerhalb kürzester Zeit weg. Ich konnte wieder schmerzfrei gehen. Leider war die Erschöpfung so stark geworden, dass ich zu fast nichts mehr in der Lage war. Schlimmstes Herzrasen bei der allerkleinsten Anstrengung. Ich lag die meiste Zeit im Bett. Mit dem Tinidazol musste ich aufhören, weil ich dachte, ich sterbe bald.

Das erste Mal im Krankenhaus traf ich in der Notaufnahme auf einen tschechischen Arzt, für den der Begriff Herxheimer-Reaktion ein Fremdwort war. Jedenfalls kam ich auf Station, dort bekam ich Elektrolyt-Infusionen. An meinem generellen Zustand änderte sich wenig. Es wurde noch ein 24h EKG gemacht währenddessen ich fast nur im Bett lag. Außerdem Ultraschall am Herzen, mit der Aussage, dass alles in Ordnung ist. Dass das Herz permanent zu schnell schlägt, führte zur Verordnung von Metoprolol, einem Betablocker. Am 5. Tag wurde ich in einem, nach wie vor sehr schlechtem Zustand entlassen. Die Diagnose lautete: dringender Verdacht auf Somatisierung.

Zu Hause wurde es einfach nicht besser. Trotz Betablocker hatte ich weiterhin ständig Herzrasen. Die Erschöpfung war unerträglich. Ich lag nur im Bett. Eine Woche später ließ ich mich noch einmal in ein anderes Krankenhaus fahren.

Ich hatte den Fehler gemacht, den Befund aus dem anderen Krankenhaus mitzunehmen. Außer dass man mir einen Psychologen ans Bett schickte, passierte gar nichts mit mir. Nach 3 Tagen wurde ich entlassen. Vor allem ein junger Assistenzarzt, machte mir unmissverständlich klar, dass man für Patienten wie mich keine Zeit hat.

Zum Glück besserte sich dieser für mich so schlimme Zustand sehr langsam wieder. Leider kamen aber auch so langsam still und leise die Schmerzen zurück. Wahrscheinlich war die Einnahme des Antibiotikums einfach zu kurz gewesen.

Die ambulante Psychotherapie führte ich weiter, empfand es aber zunehmend als Belastung zu den wöchentlichen Terminen zu fahren. Es war ein Punkt der Stagnation eingesetzt und wir beendeten im gegenseitigen Einvernehmen die Therapie Ende Juli.

Im September des Jahres 2014 schickte mich meine Krankenkasse zum MDK. Der Arzt dort war in Ordnung. Man konnte mit ihm auch über Borreliose reden. Er war der 2. Arzt, der es an Hand meines ersten Bluttests für möglich hielt, dass ich vorher schon mit Borreliose infiziert war. An meiner Arbeitsunfähigkeit hatte er keine Zweifel. Als Diagnose stand weiterhin die F48.0, Neurasthenie. Die Borreliose wurde zwar erwähnt, aber als nicht relevant eingeschätzt.

Mein Psychiater unternahm immer mal wieder einen Versuch, mich mit einem Antidepressivum wieder auf die Beine zu bringen. Ich probierte Moclobemid, Elontril und auch Brintellix. Das Ergebnis war jedes Mal das Gleiche. Ich raste wie angestochen durch die Gegend, bekam wieder Herzrasen, konnte nachts nicht mehr schlafen und war am Ende noch erschöpfter.

Ende des Jahres forderte mich meine Krankenkasse dazu auf, eine Reha zu beantragen. Das Auslaufen der Krankengeldzahlung war schon in Sicht. Im Januar 2015 sollte es soweit sein. An meinem Zustand hatte sich kaum etwas verändert. Ich kam um die Runden, bewältigte mein Leben so einigermaßen. Richtig Leben war aber nicht mehr möglich, da mich alles extrem anstrengte. Ich ging ja auch nirgends mehr hin. Wie auch, wenn ich ständig das Gefühl habe, vor Erschöpfung bald umzukippen. Von der Reha versprach ich mir also wenig.

Der Antrag war auf den Weg gebracht und ich musste mich auf den Weg zum Arbeitsamt machen. Nach dem Ende des Krankengelds musste ich ja irgendwo Geld her bekommen.

Zum Glück gab es laut des Ärztlichen Dienstes des Arbeitsamtes keinen Zweifel an meiner Arbeitsunfähigkeit und ich bekam fortan Arbeitslosengeld 1. Ein Rentenantrag war aber obligatorisch.

Ende Februar 2015 bekam ich Post von der Deutschen Rentenversicherung. Ich wurde wegen meines Rehaantrages zu einem Gutachter eingeladen. Der Gutachter, ein Psychiater in Bischofswerda. An sich ein angenehmer Mensch. Wir unterhielten uns vielleicht eine Stunde lang um die Mittagszeit. Am Ende sagte er: „ Es ist schwer. Es ist immer schwer.“

Mitte April bekam ich dann den Ablehnungsbescheid der Reha. Laut des Gutachtens erfüllte ich nicht die, für eine medizinische Reha notwendigen Voraussetzungen. Normale ambulante Behandlung wäre für mich ausreichend.

Der Gutachter hatte die Diagnose F48.0 G, Neurasthenie wiederholt und bescheinigte mir die Fähigkeit, 6-8h leichte bis mittelschwere Tätigkeiten auszuüben. Er sah dabei lediglich Einschränkungen bei der geistig/psychischen Belastbarkeit. Einen Beleg für seine Einschätzung lieferte der Gutachter nicht und er legte auch nicht dar, wie er zu seiner Einschätzung kam. Mein im Gutachten dargelegter Tagesablauf stand im krassen Widerspruch zur Leistungseinschätzung des Gutachters.

Der Gutachter stellte weiterhin fest, dass das vorliegende Krankheitsbild mit gutem Erfolg behandelbar wäre. Eine Erklärung, warum die bisherige psychiatrisch/psychotherapeutische Behandlung bei mir zu keiner Besserung des Krankheitsbildes führte, hatte der Gutachter nicht.

Er empfahl mir aber die Fortsetzung der ambulanten Behandlungsmöglichkeiten und die Beantragung von Teilhabe am Arbeitsleben.

Für mich persönlich stellte sich nach der Einsicht in das Gutachten die Frage, war meine bisherige Behandlung nicht effektiv genug oder ist der Behandlungsansatz und somit auch die immer wieder gestellte Diagnose F48.0 nicht die Richtige. Ich fühle mich keinesfalls in der Lage, in dem von dem Gutachter eingeschätzten Umfang zu arbeiten. Ich bin froh, dass ichmeinen Haushalt und die darin anfallenden üblichen Verrichtungen selbstständig erledigen kann und nicht auf fremde Hilfe angewiesen bin. Es ist so, dass von mir immer wieder regelmäßige Pausen eingelegt werden müssen. Ohne die mindestens zweistündige Mittagsruhe ist der Tag für mich überhaupt nicht zu bewältigen.

Ich gehe permanent über meine Grenzen. Ganz selten habe ich danach sogar das Gefühl der positiven Erschöpfung. Leider weiß ich nie genau, wann ich die Grenzen zu stark überschreite. Der Hammer kommt dann am nächsten Tag, wenn wieder fast gar nichts geht. Die Erholung aus solch einer Phase dauert immer sehr lange. Tage bis Wochen.

Ende Juni kam erwartungsgemäß der Ablehnungsbescheid für die Rente. Es wurde dasselbe Gutachten herangezogen wie für den Rehaantrag. Das Arbeitsamt wurde unruhig und veranlasste daraufhin ein neues Gutachten. Auch hier gab es wieder keine Zweifel an meiner Arbeitsunfähigkeit. Mittlerweile tun mir auch die Knie weh, die Zehen sowieso und auch die rechte Hand. Beim Rheumatologen habe ich einen Termin für Februar 2016 bekommen. Ich lebe von der Hand in den Mund. Zusammenfassend kann ich sagen: „Keine Freunde mehr, keine Arbeit mehr, kein Geld mehr, kein Leben mehr.“

Meine Krankengeschichte

Mein Name ist Selina Letsch. Ich bin 16 Jahre alt und wohne in einem kleinen Dorf in Thüringen. Nach mehreren bedenken habe ich mich entschlossen mein Leid öffentlich zu machen. Ich möchte mit dem Blog nicht bewirken das ich Mitleid von Leuten bekomme. Ich möchte damit bewirken das Ärzte aller Art die Augen aufmachen. Und ich möchte euch damit zeigen wie schlimm die Krankheit unterschätzt wird. Es werden hier Bilder, Videos, Berichte und natürlich viele Blogs rund um das Thema Borreliose kommen.

Und damit ihr jetzt einen Einblick bekommt erzähle ich euch meine Geschichte.

Vor 8 Jahren war ich mit meiner und noch einer Familie im Spreewald. Ich war zu dem Zeitpunkt 8 Jahre. Wir waren dort mehrere Tage im Urlaub. Als wir eines Abends von einem Waldspaziergang wieder kamen ,hatten ein Mädchen (was noch mit dort war) und ich eine Zecke.
Bei dem anderen Mädchen was ebenfalls 8 Jahre alt war kam sofort eine Wanderröte zum Vorschein, vorauf hin sie das Mädchen auf Borreliose getestet hatten. Ich hingegen hatte keine Wanderröte und wurde nicht getestet.
Das Mädchen hat sofort Antibiotika bekommen und in 2 Wochen war das Thema gegessen.
Bei mir war das anders. Als wir wieder daheim waren hatte ich den Epstein – Barr Virus. Jetzt bin ich schlau genug und hätte gewusst das es ein sicheres Zeichen für Borreliose ist. Aber damals hatten wir keine Ahnung davon. Ab da begann die Zeit wo ich sehr oft Erkältungen hatte. Ständige Nasennebenhölen und Stirnhöhlenvereiterung, Angina, Kehlkopfentzündungen, Magen- Darm Virus, Bindehautentzündung und noch vieles weiteres mehr.
Ich hatte schon immer sehr viele Fehltage in der Schule. Aber ich hab mich immer irgendwie durchgeboxt. Richtig gesund hab ich mich seit dem Biss nicht mehr gefühlt.

Auf jeden fall hatte ich dann in der 4. Klasse einen merkwürdigen Vorfall.
Meine Mandel hatte sich auf meine Zunge gelegt. Innerhalb von ein paar Wochen ist die Mandel Golfball groß angeschwollen und ist weiß geworden. Es stand dann der Verdacht auf Tumor, was sich nicht bestätigt hat.
Meine Mandeln wurden dann operativ entfernt und die Beschwerden waren weg.
Nach der 4tn Klasse bin ich dann auf eine Regelschule gewechselt. Ab da haben starke Kopfschmerzen und Rücken/Genickschmerzen angefangen.
Außerdem sind meine Augen schlechter geworden.
In der 6tn Klasse kamen dann starke Müdigkeit und starke Knieschmerzen dazu.
Mein Kniee füllen sich bis heute mit Wasser und sie werden blau und schwammig.
In der 7. Klasse bin ich dann wegen guten Leistungen in der Schule auf ein Gymnasium gewechselt.
Bis auf die schon genannten Symptome ging es bis zur 8 Klasse gut.

Ab der 9 Klasse fing alles so richtig an. Mit 14 Jahren hab ich mich gefühlt wie ne Oma.
Akuter Schwindel, Kopfschmerzen, Magen-Darm Erkrankungen, Gelenkschmerzen, hoher Puls, Hitzewallung, Schüttelfrost,Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Erschöpfung, Schwächeanfälle,verschwommenes sehen und und und …

In den Krankenhäusern hat man es auf die Pubertät geschoben und ich war abgeschrieben.
Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr mit Schule. Und ich hab Mitte der 10. Klasse die Schule abgebrochen.
Meine Hausärztin hat aber immer an mich geglaubt und wir haben alles Testen lassen. Aber leider ohne Erfolg.
Als dann alle angefangen haben mich als depressiv abzustempeln war ich bei einer Kinder und Jugendpsychologin .
Aber wie sollte sowas meine Schmerzen beseitigen ? Ich hab mir das zwar alles angehört aber mir war klar das ich das nicht brauche.

Also war unser nächster Schritt ein Heilpraktiker. Man muss schon sagen das dass alles ziemlich unglaubwürdig ist was er da so macht.
Aber er sagte dann zu mir das ich Borreliose hab. Er verschrieb mir Karde und ein Pulver was nach Dreck geschmeckt hat.
Das nahm ich nen Monat und mir ging es auch besser. Als ich es dann nicht mehr genommen hatte kam der große Rückschlag. Es wurde von Woche zu Woche schlimmer.
Ich muss auch zugeben das wir zu dem Zeitpunkt die Krankheit total unterschätzt hatten. Wir hatten uns auch nicht informiert anfangs. Wir hatten gedacht das geht mit dem Pulver weg.

Ich hatte auch in der Zeit eine sehr gute Physiotherapeutin gefunden die bei mir Osteopathische Dinge anwendete und es bis heute macht. Sie hat auch festgestellt das sich schon viel verändert hat durch die Borreliose. Meine Wirbelsäule verkrümmt sich,Hüftkopfprobleme, Knieprobleme,Schulterprobleme, Schlüsselbein und Genickprobleme. Und das bei einem 16 Jährigem Mädchen. Sie hat Zauberhände. Sie macht immer meinen extremen Schwindel und meine Kopfschmerzen weg. Das hält zwar nicht all so lange an aber es ist der Wahnsinn. Sie hilft mir bei so vielen Dinge wofür ich ihr sehr Dankbar bin.
Ivonne wenn du das irgendwann mal ließt danke für alles !!!! Aber auch sie konnte das andere nicht beseitigen.

Als es dann so schlimm wurde das ich nur noch im Bett lag und wirklich nichts mehr machen konnte haben wir dann gegoogelt. Und dass was wir da lasen war erschreckend.
Also gingen wir mit dem neu erlangten wissen wieder zu meiner Hausärztin. Aber sie konnte nichts machen. Also standen wir allein da. Nach ner Zeit haben wir dann herausgefunden das es Borrelioseärzte und Kliniken gibt.

Mittlerweile hatte ich weitere Symptome wie: Taubheitsgefühle in Händen und Füßen, nächtliches Muskelzucken, niedriger Blutdruck, Herzrasen, Herzschmerzen, Doppelbilder, Sehkraft (verschlechtert sich weiter), geschwollene Lymphknoten, Ohnmachtsgefühle, Wortfindungsstörungen, Konsentrationsstörungen, Probleme mit der Uhr und wirklich absolute Kraftlosigkeit.

Während wir auf den Termin bei der Borrelioseärztin warteten versuchten wir es nochmal im Krankenhaus.
Der sagte dann man könne nichts machen.
Dann hörte er mich ab, tastete alles ab und machte noch ein paar andere Tests. Und dann kam der Kommentar von ihm den ich niemals vergessen werde. „Nicht das du mir vor dem Krankenhaus umfällst und es ein schlechtes Licht auf uns wirft“. Mit diesem Satz wurde ich dann entlassen.

Es blieb uns dann nichts anderes übrig als auf den Termin zu warten. Mein Hobby, dass reiten ,musste ich aufgeben weil ich keine Kraft mehr hatte/habe mich festzuhalten.
Dann war der Tag endlich gekommen.Ich war mega aufgeregt aber wenn ich ehrlich bin hatte ich keine Hoffnung mehr.
Als wir dann dort waren hatten wir ein 1 Stündige´s Gespräch mit Borrelioseärztin.
Ich musste dann am nächsten Tag für den LTT Test wieder kommen. Sie haben mir Blut abgenommen und dann hieß es wieder warten.

Während wir warteten wurde es so schlimm bei mir das ich nicht mehr konnte. Ich war am Ende. Also gab mir meine Hausärztin eine Überweisung nach Jena in die Uni Klink wegen dem verdacht auf Neuroborreliose.
Das Gespräch vor Ort mit der Assi. Ärztin war recht gut. Aber was dann kam werde ich nie vergessen. Sie schickten mir eine Schulpädagogin und eine Psychologin .Ohne mich näher untersucht zu haben.
An dem Tag hatte ich noch ein Kopf MRT. Das war das einzigste was sie gemacht haben. Am Ende der 3 Tage haben sie nichts gemacht wo man Neuroborreliose feststellen könnte. Haben mich aber entlassen mit Neuroborreliose nicht vorhanden.
Ich habe 3 Tage bei einer Pädagogin und bei einer Psychologin verbracht. Musste Bäume malen und Mathe machen. Und das obwohl es mir schlecht ging. Die Psychologin sagte mir das ich Depressiv bin und ich eine stationäre Behandlung brauch. Sie hat behauptet das alle Symptome daher kommen. Ab dem Punkt konnte ich nur noch lachen ..

Als wir dann von Jena wieder kamen sind wir direkt zu der Borrelioseärztin die das Ergebnis des LTT Tests hatte.
Als wir kamen hat sie direkt gesagt: Wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht. Selina du hast Borreliose und das sehr ausgeprägt. Dieser Satz war der schönste nach 2 1/2 Jahren Kampf mit Ärzten. Meiner Mama und mir sind die tränen gelaufen. Das war Freude und Trauer.
Und an der Stelle möchte ich meiner Mama danken. DANKE das du nie aufgehört hast an mich zu glauben. Danke das du mich immer unterstützt hast. Denn in manchen Zeiten bist du die einzigste dir mir glaubt. Es gab Zeiten da hatte ich nicht mal Unterstützung von meiner Familie. Sie haben es unterschätzt und sie haben glaube ich auch angefangen zu glauben das ich depressiv bin. Aber Mama nicht. Mama war immer davon überzeugt das ich nicht depressiv bin. Klar gab es Zeiten wo man selber darüber nachgedacht hat ob die Ärzte vllt recht haben. Aber ich glaub das ist normal.

Kommen wir zurück zum eigentlichen.

Ich bekam an dem Tag 7 verschiedene Tabletten darunter 2 Antibiotika´s. Die nahm ich einen Monat und musste dann aber abbrechen weil ich schlimme Nebenwirkungen hatte. Meine Haut ist sehr dünn geworden. Und ich durfte nicht mal 5min in die Sonne da hatte ich Hautfetzen an der Hand und am Knie.
Dann bekam ich neues Antibiotika, aber auch das Schlug nicht an.
Das ging 2 Monate so.
Dann hat sie mir ganz viele verschiede Vitamine verschrieben (siehe Behandlungsmöglichkeiten).
Außerdem gehe ich bis heute 2 mal die Woche zur Infusion wo ich hochdosierte Vitamine bekomme. Derzeit nehme ich 11 Tabletten am Tag und ihr könnt mir glauben, es steht mir bis zum Hals !! Die Infusionen helfen bei mir aber leider nur kurzzeitig.
Außerdem spritze ich mir 3 mal die Woche B12.
Ich habe das Gefühl das es nur noch schlimmer wird. Ich fang an Schlafstörungen zu bekommen, weil ich vor Lauter schmerzen nicht mehr einschlafen kann.
Sämtliche Gelenke schmerzen besonders Nachts. Ich bin ehrlich gesagt am Ende. Ich kann nicht mal mehr einkaufen ohne das es mir schlimm schwindlig wird und ich von jetzt auf gleich wieder null Kraft hab.

Wir haben in den 3 Monaten tausende von Euro ausgegeben für nichts bisher.

Derzeit habe ich auch schlimme Magen-Darm Beschwerden. Da es jetzt immer noch nicht weg ist war ich beim Arzt. Auch er tastete mich ab und sagte es könnte das und das sein. Als er dann aber die Berichte von Jena las sagte er mir. „Das haben solche Menschen wie sie“ . Also wurde ich wieder als Depressiv abgestempelt. Ich steh allein da. Kein Arzt will einen helfen. Und das macht mich so sauer. Deswegen der Blog. Mein Wunsch ist, den Menschen die das betrifft das Gefühl vermitteln zu können, dass sie nicht allein sind. Ich sage hiermit den Ärzten und den Krankenkassen den Kampf an!!!

Ich werde kein Blatt mehr vor dem Mund nehmen. Wir können was bewirken!!!!!

Selina Letsch

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